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Predigt am 8.1.2012 (1. So. nach Epiphanias)
Predigttext: Röm 12,1-8 (II)
Einen „vernünftigen Gottesdienst“, liebe Gemeinde, wie ihn der heutige Predigttext fordert, kann es das überhaupt geben?!
Und wenn ja, wann wäre ein Gottesdienst dann vernünftig?! Wenn er begründbar wäre, ernsthaft und gut vorbereitet, verständlich und authentisch sowieso, vielfältig in seiner Form und vor allem schön?!
Theologisch durchdacht, keine Frage, ausgewogen und dabei eindeutig und klar in seinen Aussagen, seelsorgerisch ansprechend unbedingt und aktuell bezogen auf das gesellschaftspolitische Tagesgeschehen freilich auch?!
Oder ist Gottesdienst nicht vielmehr immer „unvernünftig?“ und muss das auch sein, zumal in einer Welt, in der au-genscheinlich alles rational durchgeplant und berechnet erscheint und alles Handeln nach seinem Zweck und Nutzen ausgerichtet?!
„Ich ermahne euch nun, liebe Schwestern und Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefäl-lig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“, so der Apostel Paulus. Wir haben es eben gehört.
In den Weihnachtstagen, liebe Gemeinde, kam das Gespräch mit unseren beiden erwachsenen Kindern darauf, was heute junge Menschen dazu bewegen kann, in der Kirche zu bleiben.
Beide hatten offenbar die Beobachtung gemacht, dass viele ihrer Arbeitskollegen und Studienfreunde ihre Kirchenmitgliedschaft spätestens dann in Frage stellen, wenn sie ihr erstes Geld verdienen und plötzlich merken, dass sie Kirchensteuern zahlen.
Und beide waren sich ziemlich einig: Wenn ihre Altersge-nossen noch irgendetwas in der Kirche halten könne, dann ist es das gesellschaftliche und diakonische Engagement.
Der Gottesdienst hingegen wäre wohl für kaum jemanden noch ein überzeugendes Argument, in der Kirche zu bleiben.
Das deckt sich so in etwa mit einer Studie, die im Auftrag der katholischen Bischofskonferenz auf den Weg gebracht wurde, wonach die Kirche nur noch in wenigen gesellschaftlichen Milieus fest verankert erscheint.
Eine ernüchternde Bilanz und zugleich ein Spiegel für das zwiespältige Empfinden, mit dem auch viele evangelische Christen der Kirche und dem Gottesdienst gegenüber stehen.
Vielleicht würden sie sogar protestieren, wenn die Kirche in ihrem Dorf oder ihrer Stadt geschlossen und wenn der Gottesdienst dort ausfallen würde. Aber selber hingehen?! In besonderen Seelenlagen freilich ja - und zu besonderen Anlässen: wie Taufen, Trauungen, Beerdigungen, an Ostern, am Erntedankfest und an Weihnachten vielleicht.
Nur 3,9% der evangelischen Christen, so sagen es die Statistiker, besuchen den Gottesdienst am Sonntag regelmäßig, die übrigen, wenn überhaupt, in größeren Abständen, eben dann, wenn sie das Bedürfnis danach haben.
Und was sich langfristig ganz sicher noch viel gravierender auswirkt: Es ist bis jetzt nur ganz selten gelungen, junge Menschen im normalen Sonntagsgottesdienst wirklich zu beheimaten.
Eine Untersuchung des Evangelischen Jugendwerks Württemberg dazu liest sich so (Zitat): „Der traditionelle Sonntagsgottesdienst ist unüberbrückbar weit von einem jugendgemäßen Gottesdienst entfernt.“ (Zitatende)
Ich finde, das alles muss uns zu denken geben auch und gerade im Jahr des Gottesdienstes, wenn wir überlegen, wie wir den Gottesdienst wieder stärker in die Mitte unseres Glaubens- und Gemeindelebens rücken können.
Betrachten wir den Gottesdienst zunächst aber noch einmal von dem her, was er seinem Wesen nach ursprünglich sein möchte.
In der Apostelgeschichte heißt es dazu: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel, sprich: in der Verkün-digung, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet“ (Apg. 2,42). In der Versammlung der Glaubenden, im Hören auf Gottes Wort, in der Feier des gemeinsamen Mahls und im Gebet, ereignet sich Gottesdienst, diese, fast will ich sagen, dramatische Begegnung mit Gott, in der er sich jedem und jeder einzelnen von uns zuwendet.
Gottesdienst ist also Gottes Dienst an uns allen, ist Gnade und Barmherzigkeit. Und ich glaube, das müssen wir wieder ganz neu begreifen, dankbar annehmen und feiern.
Und wo könnte das besser geschehen als im Gottesdienst, inmitten der Gemeinde?!
Paulus macht das anschaulich in dem bekannten Bild von dem einen Leib und den vielen Gliedern. Auch das haben wir vorhin gehört: „Wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.“ (V. 4-6a)
Und da kommt uns das Jahr des Gottesdienstes gerade recht! Wir wollen es nutzen, die Vielfalt und die Lebendigkeit gottesdienstlichen Geschehens wieder grundlegend zu entdecken.
Und wir haben uns dabei selber die große Aufgabe gestellt, „Bewährtes zu erhalten und Neues zu wagen“. Ob wir diesem Anspruch am Ende gerecht werden?! Wir werden es sehen.
Die spannende Frage dabei wird freilich sein, inwieweit es uns gelingt, die unterschiedlichen Bedürfnisse, um nicht zu sagen Ansprüche an den Gottesdienst, so miteinander ins Gespräch zu bringen, dass der Reichtum an Möglichkeiten sichtbar wird.
Und dann kann sich daraus ein ganz lebendiger und fröhlicher Prozess ergeben, in den sich jeder auf seine und jede auf ihre Weise einbringen mag. Es wäre schön, wenn Sie sich davon jetzt ansprechen lassen und einfach mitmachen würden.
Wir waren uns in der Vorbereitung auf das Jahr des Got-tesdienstes einig, dass wir dieses Jahr als Chance begreifen, als Chance, die Freude am Gottesdienst spürbar werden zu lassen, die vielfältige Gestaltbarkeit unserer Gottesdienste zu entdecken und die landeskirchlichen Impulse aufzunehmen.
Und wir wollen dabei die Gemeinschaft untereinander fördern, wir wollen Neues ausprobieren, Spielräume für Spiritualität, für Kreativität und Beteiligung eröffnen und wir wollen vor allem miteinander ins Gespräch kommen.
Und vielleicht müssen wir uns dazu auch frei manchen von der Vorstellung, es dürfte auf keinen Fall etwas schief gehen. Am Ende dieses Jahres ziehen wir Bilanz und stellen uns selbstkritisch der Erfahrungen, die wir dann gemacht haben.
Der heutige Predigttext, liebe Gemeinde, hat freilich Maßstäbe gesetzt und Position bezogen: Was Paulus fordert, ist ein „vernünftiger Gottesdienst“!
Und wenn Paulus diesen Begriff, der aus der griechischen Philosophie, der Stoa, stammt, hier aufgreift, beschreibt er damit nicht einen Anspruch, dem kaum einer/e von uns gewachsen wäre, sondern grenzt er sich damit gegen die weit verbreitete Vorstellung ab, man könne die Götter durch Opfer gnädig stimmen.
So hatte seine Umwelt den Zweck eines Gottesdienstes bestimmt: Gott nämlich gnädig zu stimmen. Und das nennt der Apostel Paulus unvernünftig.
Es ist Gottes barmherzige und gnädige Zuwendung zuerst, die uns frei macht, von allem, was uns belastet und beschwert und uns so ein erfülltes und sinnvolles Leben ermöglicht, jedem und jeder einzelnen.
Und darum ist es, wie ich finde, auch heute noch „vernünftig“ Gottesdienst zu feiern, um so die Wirklichkeit von Gottes heilsamer Zuwendung lebendig zu halten. Und dann ist es vernünftig“ Gottesdienst zu feiern, um so gemeinsam kritisch zu prüfen, was Gottes Wille ist, damit wir Gottes Gnade und Barmherzigkeit in die Welt hinaus tragen.
Denn die Welt sieht anders aus, wenn wir sie unter dem Vorzeichen der Gnade und Barmherzigkeit Gottes anse-hen und ihr - wenn’s sein muss - auch widersprechen.
Der Gottesdienst gibt uns den Grund unter die Füße und den nötigen langen Atem, dass wir in unserm Alltag dafür einstehen können und Gottes Willen ernst nehmen, auch wenn das in den Augen der Welt zunächst unvernünftig erscheinen mag. Dazu jedenfalls will uns der heutige Predigttext ermutigen.
„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, be-wahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Amen.
„Ich bin dann mal weg … oder: Vom Segen des Aufbrechens“,
so der Titel eines Experiments der Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Aalen im Sommer 2011.
Sommer: Zeit auszusteigen und die Seele baumeln zu lassen. Zeit vielleicht aber auch, Kräfte zu sammeln, um dann in guter Weise aufbrechen zu können. Sommer: Urlaubszeit. Viele sind weg. Eine besondere Situation auch für Gottesdienstteilneh-mer und Verantwortliche.
So entstand die Idee der Sommerpredigtreihe: Jeder Pfarrer und jede Pfarrerin bereitet sich auf einen Gottesdienst vor und geht damit auf „Wanderschaft“ durch die Ge-meinde auf die unterschiedlichen Kanzeln. „Wanderschaft“ und „Aufbruch“ sind denn auch das Thema in vielen bedeutsamen biblischen Texten. Denn im Aufbrechen und im Loslassen von Altem liegt häufig der Segen Gottes.
Das Projekt ist gelungen. Aufgrund vieler Nachfragen haben wir die Predigten jetzt allen zugänglich gemacht, zum einen hier im Internet und zum anderen in der schriftlichen Form, als kleines Heft. Wir wünschen Ihnen nun viele gute Gedanken beim Lesen.
Die PfarrerInnenschaft der Evangelischen Kirchengemeinde Aalen
Ralf Drescher:
Und der Herr sprach zu Abram: „Geh deinen Weg …“
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Marco Frey:
Jakob - auf dem Weg, gezeichnet und gesegnet
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Ursula Schütz:
Auf dem Weg zu Gottes Namen (Mose)
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Uwe Quast:
Ich bin dann mal weg – in der Wüste (Elia)
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Manfred Metzger:
Er zog aber seine Straße fröhlich (ein Äthiopier)
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Caroline Bender:
Der ist dann mal weg...(Jona)
hier klickenUnd der Herr sprach zu Abram: „Geh deinen Weg …“ (1. Mose 12,1ff)
von Dekan Ralf Drescher
„Ich bin dann mal weg!“, so lautet der Titel unserer Sommerpredigtreihe, zu der alle Aalener Pfarrerinnen und Pfarrer eine entsprechende Predigt vorbereitet haben. Wir waren der Meinung, das könnte ein passendes Thema für die anstehende Urlaubs und Ferienzeit sein. Ich selber müsste dann freilich jetzt sagen: „Ich war dann mal weg!“, denn mein Urlaub ist zwischenzeitlich rum.
„Ich bin dann mal weg!“, Sie wissen es ganz sicher alle, so hat Hape Kerkeling sein Buch überschreiben, in dem er über seine Eindrücke beim Pilgern auf dem Jakobsweg erzählt.
„Ich bin dann mal weg!“, so sagen wir’s gelegentlich salopp, wenn wir etwas zu erledigen haben, oder um uns einfach mal kurz zurückzuziehen.
„Ich bin dann mal weg!“, wer das sagt, liebe Gemeinde, sagt damit aber auch, „Ich komme wieder! Ihr müsst Euch nicht sorgen. Ich bin bald wieder da!“
Manchmal stehen allerdings ganz andere Aufbrüche bevor, da geht es um mehr als nur um ein beiläufiges „Ich bin dann mal weg!“
Ich denke, hier hat sicherlich jeder und jede von uns ganz eigene Erfahrungen vor Augen, Situationen, in denen sehr grundsätzliche Veränderungen und Schritte bevorstanden. Und das kann mitunter ganz schön schwer sein, weil wir dann Altes und Vertrautes zurücklassen müssen und das Neue, das kommt, noch ganz ungewiss erscheint.
Genau genommen ist das ganze Leben so angelegt, dass es uns immer wieder vor neue Aufbrüche stellt. Die Älteren unter uns werden mir da wohl beipflichten?!
Jede Lebensphase hat ihren Anfang und ihr Ende, beim Einen früher, beim Anderen später und manchmal sind die Übergänge fließend.
Alle sieben Jahre, so heißt es, soll sich im Leben eines jeden Menschen ein merklicher Entwicklungsschritt vollziehen, mit mehr oder weniger dramatischen Einschnitten.
Kindheit, Jugend, Adoleszenz und schließlich das Alter ebenso. Das Leben erscheint uns als fortwährender Prozess der Veränderung.
Und dabei stellt sich dann freilich immer auch die Frage, wer wir eigentlich sind, was wir vermögen, was wir wollen, wo unsere Möglichkeiten liegen und unsere Grenzen. Und nicht immer finden wir da immer gleich die richtige Antwort.
Keine Frage, dass daher manche Enttäuschung im Leben vorprogrammiert ist. Da sind unsere eigenen Ansprüche, die wir selbst an uns stellen, aber auch die Erwartungen, die Andere formulieren.
So gesehen ist und bleibt das Leben eine echte Herausforderung, kann es scheitern und kann es gelingen. Und nicht alles haben wir dabei stets selbst in der Hand. Mancher Schicksalsschlag im Leben lässt sich einfach nicht recht erklären, mancher Glücksgriff ebenso.
Und was einem im einen Fall schwer fällt, fällt einem im anderen leicht. Man kann nur hoffen, dass die eigene Bilanz im Großen und Ganzen - unterm Strich wenigstens - einigermaßen stimmt.
Ich denke, die meisten von uns werden ihr Leben in dieser Spannung erlebt haben und noch erleben. Umso wichtiger erscheint mir immer mehr das Gespräch zwischen den Generationen, das Weitergeben von Erfahrungen und das ermutigende Wort zur rechten Zeit.
Und zwar nach beiden Seiten. Die Jüngeren sind angewiesen auf den Rat der Älteren, wenn sie ins Leben aufbrechen und die Älteren auf die Unterstützung der Jüngeren, wenn sie feststellen, dass ihre Kräfte nachlassen und manches jetzt einfach nicht mehr so geht wie früher.
Jede Lebensphase hat ihre eigene Bedeutung und ihren eigenen Wert.
„Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“
Was für ein Wort, das Abraham da zu hören bekommt. Er war immerhin 75 Jahre. Stellen Sie sich das einmal vor. 75 Jahre, das ist doch eine Altersklasse, die dem Einen oder der Anderen unter uns einigermaßen vertraut sein dürfte. 75 Jahre und noch einmal alles aufgeben, was man sich im Laufe seines Lebens so erarbeitet hat, das Häusle, den Garten, das Auto, das ganze Lebensumfeld womöglich und manches andere mehr - und aufbrechen wie Abraham.
„Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.“
War Abraham da gar nicht erschrocken, werden Sie sich fragen? Hat er wirklich keinen Moment gezögert? Hat er sich nicht erst mit seinen Freunden beraten, wie das wohl die meisten von uns in einer solchen Situation getan hätten? Wir wissen es nicht, aber vielleicht hat er es ja getan, obwohl es hier so jetzt nicht steht?!
Die Erzählungen in der Bibel, liebe Gemeinde, sind meistens keine Tatsachenberichte, wie wir das heute normalerweise erwarten, wenn Zeitungen, Funk oder Fernsehen etwas berichten, ganz unmittelbar, ganz spektakulär und ganz nah - aber nicht immer ganz wahr!
Die Geschichten aus der Bibel konzentrieren sich auf das Wesentliche, sie berichten selten ganz direkt von einem Ereignis, sondern eher im Nachhinein, im Rückblick sozusagen!
Dadurch wird die Euphorie des ersten Eindrucks im Sinne einer sachlichen Nüchternheit und einer gesunden Distanz zur Sache korrigiert.
Das erspart uns heute beim Lesen dieser Texte freilich den Eindruck einer sensationellen Oberflächlichkeit und gleichzeitig verwundert doch das hohe Maß an Spannung, das diese Texte immer noch enthalten - auch nach einer so langen Zeit! Ich denke, das macht sie zuletzt auch so wesentlich!
Was aber bedeutet diese Wesentlichkeit nun im Blick auf unseren Text? Abraham hat Gottes Wort gehört und er ist diesem Wort offenbar selbstverständlich gefolgt. Er hat es jedenfalls nicht infrage gestellt.
„Lech lecha, geh deinen Weg!“ So heißt es im hebräischen Urtext, eine Schlüsselstelle. Ein und derselbe Sachverhalt wird mit zwei gleichen Wörtern, also zweimal ausgedrückt. „Lech lecha, geh deinen Weg!“, ein Stilmittel der hebräischen Sprache.
Und damit wird die Ausdrücklichkeit dieser Aufforderung unmissverständlich und mit großer Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht. „Lech lecha, geh deinen Weg!“ Und Abraham hatte als gottesfürchtiger Mann dann im Grunde gar keine andere Wahl.
Ohne Zögern und Zaudern, wie es in einem Kinderlied dazu heißt, soll er seine sieben Sachen packen und aufbrechen. Und Abraham lässt tatsächlich alles hinter sich und bricht auf - im Vertrauen auf Gottes Wort! Können wir uns das wirklich vorstellen?!
Wie viel, liebe Gemeinde, haben wir in unserem Leben schon gewagt, weil wir dem Wort eines anderen Menschen vertraut haben oder weil uns ein anderer Mensch gesagt hat, dass er uns etwas zutraut, dass er an uns glaubt?!
Abraham freilich brach im Vertrauen auf Gottes Wort auf, das ist ganz sicher noch einmal eine ganz andere Dimension, als das gut gemeinte und ermutigende Wort eines Menschen.
Er brach aber auch weil damit auch eine große Zusage, eine Verheißung verbunden war. „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“
Und hinter jeder Verheißung stehen Zuspruch und Anspruch gleichermaßen. Abraham musste also aufbrechen, um auf diese Weise, wie es heißt, den Weg des Gottesvolkes ins gelobte Land vorzubereiten. Das war sein Auftrag und darauf hat Gott seinen Segen gelegt. Und darum ging er los!
Und wie viel Segen ist von uns bisher ausgegangen, weil wir uns von Gott haben ansprechen, beauftragen und also segnen haben lassen? Ich stelle das jetzt einfach mal so in den Raum?!
„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ Ich denke, das gilt uns allen ganz genauso wie dem Abraham damals auch. Ich höre dieses Wort als Zuspruch und als Anspruch an uns alle, im Vertrauen auf Gottes Wort, auf seinen Segen aufzubrechen, und ein Segen sein.
Und das gilt sicherlich für die vielen kleinen und großen Schritte in unserem ganz persönlichen Leben, das gilt aber auch dort, wo es um mehr geht, dort, wo wir unsere Lebensverhältnisse insgesamt überdenken müssen.
Wir haben uns in unseren Breiten mittlerweile größtenteils an ein Leben gewöhnt, das festhält am Bestand, an dem, was wir uns erarbeitet und aufgebaut haben. Und das wollen wir auf keinen Fall verlieren.
Wir haben uns dabei aber an ein Leben gewöhnt, das für die Einen Reichtum und für die Anderen Armut bedeutet. Auch in unserer Gesellschaft klafft die Schere an dieser Stelle immer weiter auseinander - ganz zu schweigen von der zunehmenden Armut in der Welt überhaupt.
Die aktuellen Bilder vom Hunger in Afrika stehen uns da sicherlich allen vor Augen. Aber auch die kriegerischen Auseinandersetzungen an vielen Orten dieser Welt, die dramatischen Aufbrüche in gerechtere Lebensverhältnisse in der arabischen Welt. Und irgendwie hängt alles miteinander zusammen.
Aber auch als Kirche stehen wir, wie in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, vor einem enormen Veränderungsdruck. Die Stichworte sind Ihnen allen bekannt. Ob Immobilien, Personal, Pfarrstellen, wir müssen den gegenwärtigen Bestand an einem künftigen Bedarf zum Teil ganz neu ausrichten – und dabei aber nicht aus den Augen verlieren, dass unser eigentlicher Auftrag darin besteht, Gottes Wort reichlich zu verbreiten.
Alles in allem also schwierige und zum Teil schmerzhafte Prozesse, die uns da alle miteinander bevorstehen.
Keine Frage: Auch und gerade hier gewinnt der heutige Predigttext jetzt an Brisanz. Er fordert uns auf und er ermutigt uns zugleich, im Vertrauen auf Gottes Wort aufzubrechen, unsere Lebensverhältnisse zu überdenken, dass wir unsere angesammelten Besitzstände nicht absolut setzten, sondern eine solidarische Verpflichtung dabei empfinden, dass wir teilen, was wir haben und uns einsetzen für einen gerechten, einen fairen Lastenausgleich in Gesellschaft und Politik.
Jakob - auf dem Weg, gezeichnet und gesegnet (aus 1. Mose 2532)
von Pfarrer Marco Frey
Rebekka, Isaaks Frau bekam Zwillinge. Der Erste, am ganzen Körper mit rötlichen Haaren bedeckt, hieß Esau. Der Zweite hielt bei der Geburt Esau an der Ferse fest, er hieß Jakob. Esau wurde ein Jäger. Jakob blieb bei den Zelten. Isaak mochte Esau mehr als Jakob; Jakob war Rebekkas Lieblingssohn.
Eines Tages kam Esau nach Hause. "Lass mich schnell etwas von der Mahlzeit da essen!", rief er. "Nur wenn du mir das Erstgeburtsrecht überlässt!", forderte Jakob. Esau stimmte zu.
Isaak war alt und blind geworden. Er rief Esau. "Erfülle mir noch einen Wunsch: Jage ein Stück Wild, bereite es zu und ich will dich segnen.“ Rebekka hatte das Gespräch belauscht und rief Jakob. "Hole einen Ziegenbock, ich bereite ihn zu. Bringe Isaak den Braten, damit er dir vor seinem Tod den Segen gibt."
Rebekka gab Jakob von den Kleidern Esaus, Braten und Brot. Dieser ging zu seinem Vater. "Ich bin Esau und habe getan, worum du mich gebeten hast.“ Als Isaak den Duft der Kleider roch, sprach er den Segen. Als dann sein ältester Sohn Esau kam, merkte Isaak den Betrug und Esau schrie er voll Bitterkeit laut auf.
Esau hasste Jakob, weil dieser ihn betrogen hatte. Er wollte Jakob töten. Aber Rebekka erfuhr von seinem Plan und sagte Jakob: "Flieh zu meinem Bruder nach Haran, und bleib so lange dort, bis sich Esaus Zorn wieder gelegt hat.“
Jakob ging zu seinem Onkel Laban und half mit bei der Arbeit. Laban meinte: "Sag mir, welchen Lohn willst du haben?" Er sagte: "Ich will sieben Jahre für dich arbeiten, wenn du mir deine jüngere Tochter Rahel gibst!" Laban war einverstanden.
Doch in der Hochzeitsnacht brachte er Lea, die ältere Tochter zu Jakob, und er schlief mit ihr. Am nächsten Morgen entdeckte Jakob den Betrug. Erst nach 7 weiteren Jahren bekam er auch Rahel zur Frau und er liebte sie mehr als Lea.
Als Jakob sich an Labans Besitz bereicherte, musste er erneut fliehen. Dabei stahl Rahel die Götterfigur ihres Vaters.
Jakob zog Richtung Heimat. Er schickte zu Esau, um ihn mit Geschenken zu beschwichtigen. Doch der kam mit 400 Kämpfern entgegen. Da wurde Jakob von Angst gepackt und teilte seine Herden auf, um wenigstens einen Teil zu retten. Zusätzlich bereitete er mit über 1000 Nutztieren ein gewaltiges Geschenk für Esau vor.
Mitten in der Nacht überquerte der ganze Tross den Jabbok. Jakob blieb allein zurück. Plötzlich stellte sich ihm ein Mann entgegen und kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen. Als der Mann merkte, dass er Jakob nicht besiegen konnte, gab er ihm einen so harten Schlag auf das Hüftgelenk, dass es ausgerenkt wurde.
Dann bat er: "Lass mich los, der Morgen dämmert schon!" Aber Jakob erwiderte: "Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast.“ Da sprach der Mann: "Du hast schon mit Gott und mit Menschen gekämpft. Darum heißt du von jetzt an Israel" und er segnete ihn. "Ich habe Gott gesehen, und trotzdem lebe ich noch!", rief Jakob. Darum nannte er den Ort „Gesicht Gottes“.
Da ging die Sonne auf. Jakob hinkte, weil seine Hüfte ausgerenkt war. Als er weiterging sah er Esau, mit 400 Mann. Jakob verbeugte sich siebenmal, bis sie seinen Bruder erreicht hatten. Der rannte Jakob entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Beide weinten. Esau nahm das Geschenk Jakobs auf sein Drängen hin an. Dann machten sich beide auf ihren Weg.
Eine höchst dramatische Geschichte, die des Jakobs und seines Bruders Esau. Er kommt aus einer Familie, in der Vater und Mutter zerrissen sind, und die Konkurrenz schon bei der Geburt gelebt wird. Jakob kommt als Zweiter zur Welt und hält seinen Bruder an der Ferse fest. Ab da wird intrigiert: Mit Hilfe der Mutter erschleicht er sich das Erstgeburtsrecht, und damit Macht und Einfluss. Doch es kommt zur Flucht und die Betrügereien setzen sich fort. Und er muss wieder fliehen und intrigieren bis er dann am Jabbok zusammenbricht.
Das hier ist nicht nur ein persönliches Einzelschicksal von dem wir hören, es hält auch der damaligen israelitischen Gemeinde den Spiegel vor. Und: Diese Geschichte tut es gleichsam auch uns, den Spiegel vorhalten und die Ursachen und Auswirkungen von Fehlverhalten verdeutlichen. Aber die Geschichte hat ja ein gutes Ende. Sie macht deutlich, dass Veränderung möglich ist, dass wir von so manchem „erlöst“ werden können.
Was diese Geschichte für uns bedeutet, ist ein enormer Erkenntnisgewinn. Der kann dazu führen, dass ich hinter manchem Fehlverhalten und mancher „Sünde“ die Abgründe, den Schmerz und das Leiden meiner Seele wahrnehmen kann. Und da nur Bewusstes verändert werden kann, habe ich nun die Möglichkeit, dass Dinge in meinem Leben heil werden können.
Jakob war krank an der Seele und er hat es auf die harte Tour erfahren müssen. Schon allein, dass er in einer Familie groß wird, in der es Lieblingskinder gibt, ist eine schwere Hypothek für eine emotional gesunde Entwicklung. Lieblingskinder setzt voraus, dass die Eltern (emotional) unreif waren, dass sie in sich selbst einen Schmerz trugen, den sie unbewusst weitergegeben haben. Und das geschieht bis heute. Andere Eltern sind da gerechter, aber es fehlt ihnen an Liebe. Wieder andere meinen für Ihre Kinder zu wissen, was gut oder schlecht ist und setzen sie unter Druck. Und all das macht etwas mit den Kindern, mit uns. Sehr oft sind wir nicht so OK, wie wir sind. Jakob musste der Erstgeborene werden, ein anderer muss das oder jenes werden oder darf das nicht. Da sitzen wir alle durch alle Zeiten im gleichen Boot.
Dass uns unser Tun bewusst wird, dass wir uns darüber im Klaren sind, warum wir so sind, wie wir wird, dass wir unseren Seelenschmerz kennenlernen, all das ist ein jahrzehntelanger Prozess. Und dazu passt dann auch, was die neue Hirnforschung uns lehrt: Wir tun nicht das, was wir wollen, sondern wir wollen das, was wir tun. Wir sind nicht wirklich Herr in unserem Haus. Und doch können wir uns hier herantasten. Dazu geben uns auch die biblischen Texte wunderbare Hilfen auf unserem Weg durchs Leben.
Zurück zu Jakob. Er ist unzufrieden und das hat er von seiner Mutter schon früh mitbekommen: Du bist zu wenig, du bist nicht OK, du musst mehr sein. Und das macht Jakob. Durch List und Tricks versucht er sein Leben zu manipulieren. Und einmal damit angefangen, hört es nicht mehr auf. Er trickst und wird selbst ausgetrickst und ist sein halbes Leben auf der Flucht. In einem fremden Land will er Karriere machen und muss auch hier fliehen.
Aber: Die Flucht löst keinen Konflikt. Es ist Verdrängung. Und die zieht neue Konfliktfelder geradezu magisch an, wie der Bibeltext zeigt. Jakob betrügt, wird von Laban betrogen und betrügt erneut. Auch Rahel, seine Frau, wird da mit hineingezogen. Und am Ende steht vor Jakob die große Angst um sein Leben, als Esau ihm, schwerbewaffnet, entgegen kommt.
Jakob ist arm dran. Er leidet. Er lebt sein Leben ohne zu merken, dass sie sich im Grunde vom Leben abgeschnitten hat, dass er gelebt wird. Jakobs Raffinesse ist der Überlebenskampf eines zu kurz Gekommenen. Und dahinter steht der Urschmerz, zurückgesetzt zu sein. Und das kommt mir bekannt vor. Das betrifft viele von uns, irgendwo uns alle.
Wer immer auf der Flucht ist, auch innerlich, wer immer unter zu viel Stress leidet, kann sich einmal fragen, wovor er eigentlich flieht, was ihn so antreibt. Und vielleicht sieht er auch die Leichen am Weg, wo er zu eigenem Nutzen anderen Menschen oder auch sich selbst geschadet hat.
Interessant ist nun, wovor Jakob flieht. Vor Esau. Wer ist dieser Esau? Der wilde Jäger, der die Weite und die Freiheit sucht, der roh ist und nicht angepasst.
Jakob ist hingegen der ganz andere, der bei den Zelten, bei der Mutter. Er ist der Angepasste und Ordentliche. Er ist der Zivilisierte und der Clevere.
Doch was passiert mit diesem Jakob? Er kann den Esau nicht akzeptieren. Esau ist der, den man austricksen muss, den man in die Schranken weisen muss, der auf keinen Fall das Erstgeburtsrecht ausüben darf. Und der dann auch scheinbar ausgetrickst wird, vom so anständigen Jakob.
Hinter diesen beiden Personen stehen zwei Lebensentwürfe: Kulturkreise, Gesellschaftsformen und Menschentypen spiegeln sich in der Darstellung dieser beiden Typen. Aber man muss aber gar nicht so weit gehen: Auch viele Partnerbeziehungen unterscheiden sich und leiden vielleicht auch daran, dass der eine - nach Art des Esau - Freiheit, auch im Sinn der Ungebundenheit sucht, während der oder die andere Geborgenheit, Heimat, Gemeinschaft braucht.
Nötig sind beide Entwürfe. Helfen könnte die Einsicht in die eigenen Grenzen und die Erkenntnis der Notwendigkeit der Ergänzung. Jedes Sozialgefüge braucht überschaubare Formen ("Jakob"), um sich nicht zu verlieren und den Spielraum der Freiheit ("Esau"), um nicht zu erstarren. Jeder benötigt schützende Grenzen; zu starre Grenzen engen ein. Lebbar ist ein System, wenn beides seinen Platz hat. Die Bibel zeigt die schlimmen Folgen, wenn ein solcher Konflikt nicht fair ausgetragen wird.
Der Ordentliche und der Freiheitsliebende sind aber auch, und das finde ich höchst spannend, das einmal durchzudenken, ein Bild für die zwei Seiten in jedem Menschen. Hier stellen sich die Fragen: Wie finde ich mein Maß zwischen schöpferischer Individualität und der Sehnsucht nach Geborgenheit, zwischen Weite und Heimat?
In der Bibel wird Esau als der Fremde, der Dunkle, der Schatten dargestellt. Er gehört nicht zu uns, er ist anders. Wir sind scheinbar untadelig wie Jakob. Aber es kommt die Zeit, wo die Ordentlichen ihr wahres Gesicht zeigen. Und lange wird es dauern, bis einem Esau Recht widerfährt. Hier wird die gestörte Beziehung eines Menschen zu sich selbst dargestellt, nämlich zum abgetrennten Schatten, zu den abgelehnten Seelenanteilen.
Aber die Anteile des Menschen, die an ihrer Entfaltung gehindert werden, sind wie schlafende Hunde. Bei jeder Gelegenheit, wo das JakobIch sich als schwach erweist, können sie über den Menschen herfallen, und den Menschen Dinge tun lassen, die einem später leid tun. Dazu genügt mitunter, urlaubsreif oder einfach erschöpft zu sein. Jakobs Flucht vor Esau ist die Flucht vor den eigenen verdrängten Tiefenschichten.
Esau wird als der „Rote“ bezeichnet. Ein Hinweis auf dessen Verbindung mit Glut, Erde und Urkräften der Vitalität. Und all das wird abgewürgt und führt zu einer unguten Selbstinszenierung mit Lug und Betrug. Wer mit dem Verdrängen lebt, muss sehr viel leisten, muss vorne dran sein, denn hinten nachstehen wäre lebensbedrohlich.
Manche Menschen müssen durch Stress in Beruf und Freizeit sich selbst und anderen verheimlichen, wie sehr sie auf der Flucht sind. Ein solches Leben ist anstrengend und irgendwann kommt es zu einem Zusammenbruch. Und von diesem Zusammenbruch berichtet auch die Bibel im Kampf am Jabbok.
Jakob ist am Ende. Hinter dem Fluss wartet ein schwerbewaffneter und hoffnungslos überlegener Esau. Es gibt kein Entrinnen. Anders gesagt: Die Aspekte, vor denen Jakob früher geflohen ist, holen ihn nun wieder ein und fordern ihre Integration. Der Fluss stellt die Lebensschwelle dar, die eine Entscheidung von ihm fordert. Das bedeutet Kampf. Es ist ein Kampf Jakobs mit seinem Schatten, mit der unerlösten Seite.
Im Bewusstseinsdunkel der Nacht beginnt der Kampf, der nicht ohne Verletzung geht. An der Hüfte wird er getroffen, er hinkt von nun an. Er ist ein vom Leben gezeichneter. Die Hüfte liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des Geschlechtes, dort wo das Leben entsteht. Sein Leben wird von nun an ein anderes sein. Im Morgengrauen eines neuen Bewusstseins endet der Kampf. Er ist ein anderer geworden. Er weiß um seine Begrenzungen, um seine dunklen Seiten.
Jakob hat in der Nacht einen Segen gewonnen, nicht einen erschlichenen, sondern einen erkämpften und er hat einen neuen Namen gewonnen: „Israel“ (Streiter Gottes), weil er „mit Gott gerungen hat“. Ich könnte auch sagen. Er hat mit seinem Selbst gerungen und ist Sieger geblieben.
Als ganzheitlicher Mensch ist Jakob nun auch in der Lage, seinem Bruder in einer Art gegenüberzutreten, die es jenem erlaubt, ihm zu verzeihen. Esau kam mit 400 Mann um Jakob zu vernichten. Doch Esau läuft ihm entgegen und sie umarmen sich.
Aus dem Lügner und Betrüger ist ein Mensch geworden, der geliebt werden kann, nicht um seiner Leistungen willen - ich denke an die 1000 Stück Vieh, mit denen er Esau beeindrucken und besänftigen möchte – sondern einfach nur, weil er der geliebte Bruder ist, nichts weiter. Nun ist Esau, der Schatten, nicht mehr der Feind, sondern ein integrierter Teil Jakobs selbst.
In der Jakobsgeschichte liegt für uns die Aufgabe und die Kraft, uns mit uns selbst auseinander zu setzen. Wir sind nicht einfach hilflos unserer lebensgeschichtlichen Prägung ausgeliefert, wir müssen nicht nur das Produkt unserer unvollkommenen Eltern sein, die in uns auch ungute Dinge hineingelegt haben.
Es gibt Möglichkeiten, belastende Hypotheken aus unsrer Geschichte aufzuarbeiten und abzutragen und sogar aus diesen Erfahrungen der Vergangenheit ein Kapital für die Zukunft zu schlagen. Wir können an uns selbst arbeiten und Veränderungsprozesse selbst einleiten und fördern. Dafür steht Jakobs Entschluss, sich mit seinem Bruder zu versöhnen, ebenso wie der Entschluss, sich der eigenen Dunkelseite auszusetzen.
Das nächtliche Ringen Jakobs an der Schwelle zur Zukunft ist hierbei ein Bild für die notwendige Auflösung eines krankmachenden Lebensaufbaus und das Ringen um neue Möglichkeiten.
Immer wieder wird es darum gehen, dieses Ringen mit der gleichen Entschlossenheit und dem gleichen Durchhaltevermögen wie Jakob zu bestehen, der seinem Gegenüber, das sich ihm entziehen will, entgegenschleudert: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“.
Es wird alles darauf ankommen, Erfahrungen und Anteile, mit denen wir „geschlagen“ sind, weder zu verdrängen noch zu ignorieren, sondern solange mit ihnen zu ringen, bis sie uns zum Segen werden und Vergangenheit in Zukunft, Schatten in Licht und lebensbedrohende Dämonen zu Helfern gewandelt werden können.
Auf dem Weg zu Gottes Namen (2. Mose 3, 115)
von Pfarrerin Ursula Schütz
Ich bin dann mal weg - so heißt die Sommerpredigtreihe, zu der auch dieser Gottesdienst gehört. Sie kennen diesen Satz von Hape Kerkeling, dem Schauspieler, Entertainer, Komiker - und eben zeitweise auch dem Pilger. Weg sind im Sommer viele, manche sind auch da, während andere weg sind. Manche waren schon weg oder wollen noch weg.
Manchmal wollen wir weg, weg aus der Hektik des Alltags. Weg aus der Fülle der Verantwortung. Weg aus dem Lärm des Lebens.
Und es ist gut, wenn Menschen diesem Wunsch, ich will dann mal weg, immer wieder nachgeben können, zum Beispiel weg in den Urlaub zu fahren. Einmal alles um mich herum vergessen. Neue Bilder tanken. Neue Kraft spüren für die nächste Zeit. Ich hoffe, Sie kennen dieses Gefühl, mal abzuschalten. Mal weg zu sein. Oder zumindest das Gefühl tiefer Entspannung.
Ich bin dann mal weg, gelingt oft auch im Alltag: Momente mit einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein, einem guten Buch oder einer schönen Musik, auf dem Liegestuhl oder in der Hängematte im Garten oder an sonst einem Platz, an dem ich mich wohlfühle.
Ich bin beglückt, wenn ich weg war und dann mit ganz neuen Eindrücken wieder anfangen kann.
Diesen Neuanfang, diese ganz neuen Eindrücke begegnen uns heute, wenn wir die Worte aus dem Predigttext hören. Worte, die vor tausenden Jahren geschrieben wurden. Worte, die uns den Israeliten Mose vor Augen führen. Und es ist eine Geschichte voller menschlicher Höhen und Tiefen.
Da ist zunächst die Vorgeschichte. Wir hören im 2. Buch Mose von einem Mann, den nichts mehr hält, weil er alles verloren hat. Ehemals wundersam aus dem Nil gerettet, weil ihn seine Mutter liebevoll in ein Weidenkörbchen gelegt hat, damit das Baby vor den Häschern des grausamen Pharao entkommt. Dort findet ihn die Tochter des Pharao und zieht das Kind wie ihr eigenes auf.
Später, als Erwachsener spürt dieser Mann, dass sein Herz für die Sklaven schlägt und er schlägt zu. Mord - und da muss er fliehen. Jetzt ist er Schafhirte, er der einst als Sohn des Pharaos lebte. Ein Fremder in der Fremde - wie er selbst sagt. Er hat Frau und Kinder. Er hat auch eine Existenz, aber er ist unglücklich über den Verlauf seines Lebens. Alles ist haltlos geworden. Mose hat resigniert. Und an dieser Stelle erzählt die Bibel Folgendes:
Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
Mose ist in einem neuen Leben angekommen. Eigentlich hätte es bei dem: Ich bin dann mal weg! bleiben können. Er hätte es sich einrichten können in seinem neuen Leben. Aber da ist noch etwas, da ist noch ein Funken Neugier. Etwas, dass ihn aufmerksam für Neues bleiben lässt. Neugierig ist er geblieben - dieser Mose. Es ist wohl auch zu seltsam, was er da erblickt. Ein Busch der brennt und doch nicht verbrennt. Mose geht näher. Er will sehen, was da „im Busch ist". "Mose", ruft ihn eine Stimme. Später weiß Mose, es ist die Stimme Gottes, und er antwortet: „Hier bin ich." Gott ich stehe vor dir.
Worauf das hinaus soll, weiß Mose noch nicht, aber er spürt die Bedeutung dieses Augenblicks und weiß, jetzt geht es um ihn selbst. Gott will zu ihm sprechen. Und Mose hält inne.
InneHalten. Anhalten in dem was ich gerade tue und auf Gott hören. Innehalten. Halt an, Mose! „Komm nicht zu nahe heran! Zieh die Sandalen aus, denn der Ort, an dem du stehst, ist heiliger Grund."
Mose versteht: „Jetzt geht es um Gott und um mich.“ Ja ich höre! Ich bin ganz da. Nichts anderes ist wichtig. Gott weist sich aus als der, den Mose kennt. Ich bin die Gottheit deiner Vorfahren. Und da wird Mose erst gewahr, was er hier erlebt.
Und das ist nun für Mose nicht mehr zum AusHalten. Mose wendet sich ab. Ja, er fürchtet sich regelrecht vor Gott. Er verhüllt sein Gesicht, aber er hört genau zu. Er öffnet sich dem, was er erlebt und was er jetzt zu hören bekommt. Und das ist alles andere als haltlos, sondern ein großes Angebot Gottes, dass er sein Volk, uns Menschen halten will.
Zunächst erinnert er Mose und alle die es hören an das, was Gott den Menschen schon Gutes getan hat: Er hat die Not gesehen! Gott nimmt wahr, wenn Not ist. Gott denkt darüber nach, wie den Menschen geholfen werden kann.
Ich glaube, dass auch das genau die Situation ist, die wir selbst in Zeiten der Not erleben. Wenn Unglücke passieren, dann fragen wir Menschen, wo Gott denn ist. Wo war Gott, als die Erde in Haiti bebte? Als in Japan der Tsunami und die Atomkatastrophe passierte? Wo war Gott, als am 22. Juli in Norwegen ein Attentäter über 70 Menschen, darunter viele Kinder in einem Ferienlager niedergeschossen hat? Wo ist Gott, wenn unschuldige Menschen ihr Leben verlieren? Wo ist Gott, wenn Frauen und Mädchen Gewalt angetan wird?
Ich glaube: Gott ist genau dort, wo Menschen leiden. Gott hat Mose geantwortet auf seine Frage, auf seine Haltlosigkeit: „Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt."
Gott ist der, der uns sieht und hält in der Not. Wir Menschen müssen nicht in der Haltlosigkeit stehen bleiben. Wir dürfen uns in Ehrfurcht und Vertrauen Gott nähern und darauf vertrauen, dass er, so wie in der Not in Ägypten, einen Ausweg für uns weiß.
Und genau das bietet Gott Mose an. Er will ihn senden, den Menschen Gott nahe zu bringen. Er will Mose zu seinen Landsleuten schicken, damit sich die Not zum Guten wendet. Der Text geht ja dann auch genau in dieser Richtung weiter. Mose hat seinen Auftrag bekommen. Er hat Gott zugehört, genau zugehört, auch wenn er ihn nicht anschauen konnte. Und nun hat er den Mut, weiter nachzufragen:
Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge. Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚Ich werde sein’, der hat mich zu euch gesandt.“
Mose braucht eine konkrete Autorität. Er braucht einen Namen. Bis jetzt haben die Juden zu dem Gott ihrer Väter gebetet. Aber jetzt bekommt dieser Gott einen Namen, an dem er sich messen lassen will: „Ich bin da." In anderen Übersetzungen heißt das: „Ich bin, der ich bin"
Für mich heißt dieser Name: „Ich halte euch! Ich bin da, egal, was ihr in diesem Leben auch tragen müsst. Ihr Menschen, ihr könnt und ihr sollt mir vertrauen. Vor mir kannst du nicht weglaufen, in keine Wüste, in kein neues Leben fliehen. Ich kenne dich mit Namen, von Anfang an, und nun kennst auch du mich mit Namen. Und mein Name heißt: Ich bin da, ich bin für dich, für euch da, ich werde da sein, ich bleibe bei euch durch alle Veränderungen hindurch, auf allen Wegen, die hinter euch liegen, war ich dabei, auf allen Wegen, die vor euch liegen, gehe ich mit."
Mose kann Gott nicht ansehen, aber jetzt weiß er, wie Gott ist. Ein Gott der mitgeht. Ein Gott der immer dabei bleibt.
Ein großartiges Angebot in der Haltlosigkeit, die Mose gerade erlebt. Ein großartiges Angebot auch in unseren haltlosen Zeiten. Mose hatte eine beeindruckende Begegnung. Er begegnet Gott. Er hört seine Stimme, einen Auftrag und den Gottesnamen.
Mose hätte das alles vergessen können, er hätte an seine Arbeit, zu seinen Herden zurückkehren können. Und dann wäre es das gewesen. Aber dabei bleibt es nicht. Mose lässt sich von Gott bewegen. Mose hat verstanden, dass er gemeint ist, dass Gott ihn ruft, heraus aus seinem Versteck und ihn zu seinem Werkzeug und Boten machen will. Er geht wirklich los. Er lässt sich verändern und verändert dadurch selbst etwas. Und Mose weiß genau, er spürt es förmlich: Was er jetzt vorhat, gelingt mit Gottes Beistand.
Und damit kommt Mose mir heute hier nahe. Gott ist derjenige, der uns Atem gibt, dass wir weiter leben, auch wenn das Leben zum Verzweifeln und Weglaufen ist. Gott gibt uns Augen, damit wir sehen, wo er zu finden ist. „Ich bin der ich bin, ich werde sein der ich sein werde!, sagt Gott. Genau so ein Gott bin ich. Einer der sich hören lässt. Ein Gott der sich zeigt, der mitgeht in unseren Lebensaufgaben.
Und er ist dabei ein Gott, der mich auch zum Handeln auffordert. Gott sagt: Ich bin dabei, Mose, aber losgehen nach Ägypten musst du schon selber.
Wenn sich etwas verändern soll, dann müsst ihr Menschen handeln. Wenn sich etwas am Elend der Hungernden am Horn von Afrika, der Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kommen und oft genug dabei ertrinken, und wenn sie ankommen unter katastrophalen Bedingungen untergebracht werden, und, und ...
Wenn sich daran etwas ändern soll, dann müsst ihr Menschen handeln. Dann müssen wir das Nötige tun. Gott bleibt dabei, da bin ich mir ganz sicher.
Mit Gottes Begleitung können wir neu ins Leben gehen. Das Leben wird an vielen Stellen haltlos und fraglich bleiben. An Gottes Zusage, "Ich bin da" hat sich seit Mose, seit dem Auszug, seit der Zusage des auferstandenen Christus an seine Jünger und an uns alle: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. nichts geändert.
Wir dürfen diese Zusage mit Leben füllen.
Ich bin dann mal weg – in der Wüste (1. Könige 19,18.913a)
von Pfarrer Uwe Quast
Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagesreise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. –
Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er saß sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. (Pause) Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht.
Und siehe, das Wort des Herrn kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?
Er sprach: Ich habe geeifert für den Herrn, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.
Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den Herrn! Und siehe, der Herr wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam eins stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.
Kraft ist zu spüren, wenn Elia sich nach seiner Erschöpfung wieder auf den Weg macht!
Woher diese Kraft? Woher erhalten wir Kraft? Kraft zum Leben?
Vielleicht hat da ja jeder so seine eigenen Rezepte, was ihm Kraft zum Leben gibt.
In unserer Predigtgeschichte ist zunächst nur eine Kraft zu spüren: die Fliehkraft. Elia will weg, flieht mit aller Kraft, mobilisiert noch einmal alle seine Kräfte, aber dann ist es aus.
Es geht uns heute also um die Kraft, die dann nötig ist, wenn alle Kräfte am Ende sind, wenn auch alle Kraftreserven, die wir sonst anzapfen am Ende sind: Gutes Essen, Ruhe, Sauna, Freunde, Familie, Spaziergänge an der frischen Luft und Urlaub.
Wenn das alles und vieles andere aber einfach nichts mehr hilft, selbst das Warten auf den anderen Tag, die andere Woche, auf das nächste Jahr, wenn das alles nichts hilft und wir einfach müde und kraftlos sind.
„Es ist genug“, mit diesen Worten beschreibt der Prophet Elija seine Situation. „Es ist genug!“: Da hat einer - wie man so sagt - die Schnauze voll. Er kann nicht mehr. Er will auch nicht mehr.
„Es ist genug!“ Wie oft habe ich diesen Satz in meiner seelsorgerlichen Praxis als Pfarrer in Gemeinde und in der Schule schon gehört. "Es ist genug!"
Wir gedenken in diesem August des Mauerbaus vor 50 Jahren mitten durch unser Land, wir denken an die vielen, die es nicht mehr aushielten und an die, die ihr Leben ließen bei ihrem Fluchtversuch; die einfach genug hatten vom SEDStaat.
Oder ich habe diesen Satz auch gehört:
von dem Mitarbeiter einer großen Firma: er war erfolgreich ins einem Job, aber der ständige Druck und der Konkurrenzkampf haben ihn mürbe gemacht.
von einer Ehefrau, deren Ehe über die Jahre immer schwieriger wurde.
von einer pflegenden Angehörigen, die nach Jahren der Pflege schlicht nicht mehr konnte.
oder auch von einem Schwerkranken, der die Bettlägerigkeit, die Schmerzen, nicht mehr aushielt.
von dem Politiker, der die Intrigen, das Ränkespiel und den Gruppenegoismus satt hatte.
und, und, und.
„Es ist genug!“ für viele Menschen, liebe Gemeinde, ist dieser Satz bittere Realität. Ich denke an die vielen Menschen, die von anderen enttäuscht wurden. Ihre Liebe wurde verraten. Sie wurden verletzt. Menschliche Bindungen sind im Streit zerbrochen. Statt der gewünschten Geborgenheit endlose Hasstiraden. Es bleibt nichts anderes als der Rückzug. Menschen sind gescheitert an ihren eigenen Ansprüchen und Erwartungen. Eine Krankheit hat sie aus der Bahn geworfen. Sie haben sich überfordert. Oder sie wurden überfordert.
Ich denke, den meisten von uns fällt da jemand ein - sei es aus der Familie, dem Freundeskreis oder der Nachbarschaft. „Es ist genug!“
1. Die Flucht in die Wüste
Für den Elija war dieser Punkt in der Wüste gekommen. Gerade noch hatte er sich mit voller Kraft eingesetzt für seinen, für den rechten Glauben, für seinen, für den einzigen Gott.
Gerade eben war da der Triumph über die Anhänger der heidnischen Baalsgottheiten. Elia - der Gotteskrieger! Aber weil gerade das der Isebel unheimlich ist [und mir auch!], muss er fliehen.
Gekämpft hat er, gehofft und am Ende doch verloren: Jetzt kann er nicht mehr, jetzt will er nicht mehr. Er flieht in die Wüste und dort in der Wüste gerät auch sein Glaube in die Krise. Selbst dieser Prophet Gottes gerät in die Krise.
Rückzug in die Einsamkeit kann ein wichtiger Schritt zum Überleben sein, um sich zu sammeln, um zu erkennen, wo man ist und was jetzt dran ist.
Aber - das sehen wir an Elia - es ist auch ein gefährlicher Schritt. Die lebensrettende Flucht in die Einsamkeit kann umschlagen in absolute Resignation. Es ist genug.
Menschen, die alles satt haben, die nicht mehr wollen und nicht mehr können, ziehen sich - so wird es hier beschrieben - zurück in sich selbst, in die Depression, in die Trauer, in leere Betriebsamkeit, in den Alkohol, in Verbitterung. All das sind ja Wege in die Wüste, dorthin, wo man mit der Verzweiflung allein ist.
Und dann kommt das Grübeln: Wie kann Gott das zulassen? Warum? Warum gerade ich? Dann kommen die Selbstvorwürfe: Ich habe es nicht geschafft. Ich bin ein Versager: „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter“ - so wird es uns erzählt; Elia, der Prophet in der Wüste, lebensmüde und gottesmüde.
In dieser Situation verliert selbst der Tod seine Schrecken, wenn man vom Leben nichts mehr erwartet. Selbst der Tod erscheint verlockender als das WeiterlebenMüssen.
Aber es gibt ja wohl doch eine Kraftquelle, die selbst in diesen Situationen nicht versiegt. Und es gibt Menschen, die den Weg zurück geschafft haben. Aus der Wüste heraus, aus der Depression, aus der Trauer, der leeren Betriebsamkeit, aus der Schwäche, aus dem Alkohol, aus der Verbitterung heraus: zurück ins Leben. Die Geschichte von Elija erzählt uns davon. Von der Kraft des Lebens. Eine Geschichte von einer starken Rückkehr ins Leben, die uns wunderbar, ja fast märchenhaft erscheint.
Elijas Weg zurück ins Leben beginnt damit, dass jemand an ihn herantritt, ihn anrührt, um ihm das Lebensnotwenige zu bringen: Geröstetes Brot und einen Krug Wasser. „Steh auf und iss“.
Nicht erst Psychotherapeuten raten dazu, einem verzweifelten, lebensmüden Menschen fürsorglich eine kleine Stärkung anzubieten. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.
Bei Elija ist es ein Engel, der ihm diese Stärkung bietet. Immer sind es Engel, die uns Kraft geben. Menschen können es sein, aber wir wissen: Menschen können auch Teufel sein. Es sind Engel, zumindest Menschen, die in dieser Situation uns Engel sind, von denen wir uns anrühren lassen, berühren lassen von ihren Händen, von ihren Worten, von ihrer Nähe.
Der Engel hier bringt Elija das Lebensnotwendigste. Er rührt den lebensmüden Elia zunächst an. Und Elija lässt sich berühren und macht auf für diese sanfte gewaltige Kraft.
Die Frage ist für mich dabei nicht, ob es solche Engel gibt, die uns in unseren Wüsten anrühren. Die Frage ist, ob wir uns wirklich anrühren lassen, ob wir den Ruf der Engel hören: Steh auf und iss. Sind wir bereit und offen, uns von Gottes Engel anstupsen zu lassen und uns ermuntern zu lassen, den weiten Weg zu gehen.
Der Engel versorgt den Propheten mit dem Lebensnotwendigen. Ein Engel, der nicht viel redet, sondern zunächst einmal da ist, der behutsam vorgeht, der das Selbstverständliche tut: Wasser und Brot, Essen und Trinken, Kraft und Stärkung. Es müssen nicht immer Männer mit Flügeln sein, die solches vollbringen und vielleicht sollten wir uns das öfters überlegen, wer für uns ein Engel ist oder für wen wir es sein könnten.
Nachdem Elija gegessen und getrunken hat, schläft er wieder ein. Das ist sehr realistisch für seine Situation. Jeder, der versucht hat, jemanden ins Leben zurückzuführen, jeder auch, der sich selber wiederfindet in den Worten Elijas: „Es ist genug!“ weiß: Damit ist es nicht so schnell getan. Man braucht Geduld, einmal, zweimal ... meist viel häufiger. Und so kommt dann der Engel wieder: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“
2. Ein weiter Weg
Der Weg von der Wüste ins Leben ist meist ein weiter Weg, ein Weg, der lang ist und beschwerlich. Ärzte, Therapeuten, Seelsorger und jeder, der es mit depressiven, trauernden, leergelaufenen, ausgebrannten, mit süchtigen oder verbitterten Menschen zu tun hat, kann das bestätigen: Der Weg zurück ins Leben ist mühsam.
Ein Weg, der Geduld und Kraft erfordert, ein Weg, der manchmal im Kreis zu verlaufen scheint. Bis man heraus ist aus der Wüste, ist vielleicht auch mancher Irrweg und Umweg zu bewältigen. „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ Und Elija steht auf. Er isst und trinkt. Er macht sich auf den Weg.
Und er spürt die Kraft der Speise in sich mit jedem neuen Schritt, eine Kraft, die ihn ermutigt, den Weg durch die Wüste bis ans Ziel zu gehen.
3. Das Ziel: die Gottesbegegnung am Horeb
Das Ziel ist für Elija: der Berg Horeb, der Ort, wo einst Mose die zehn Gebote erhalten hatte. Elija sucht Gott, weil er weiß, dass nur Gott einem Leben die entscheidende Wende geben kann, die Kraft zum Neuanfang. Menschen, die genug vom Leben haben, sehnen sich nach Veränderung. Sie ahnen, dass sie selbst diese Veränderung allein nicht fertig bringen. Gottes Hilfe wird gebraucht. Wie aber ist Gott erfahrbar? Und wo? Wie kann ich ihm begegnen, so dass sich auch mein Leben verändert?
Ich, liebe Gemeinde, weiß nur eins: ohne Gott kann und möchte ich nicht leben. Ich brauche diesen Zuspruch: „Steh auf und iss“, geh deinen Weg – mit Gott! Ich brauche diese Stärkung, Taufe, Brot und Wein, Seelsorge und Leibsorge.
Und ich habe in den Geschichten des Lebens, in meinen eigenen und in anderen, wie Elija erkennen dürfen: Gott ist nicht im Gewaltigen und im Großen, in dem, was die Welt beeindruckt und erschüttert. Er ist vielmehr in dem Kleinen und Leisen. In dem, was Menschen anrührt, wirklich anrührt in der Tiefe, so dass sie aufstehen und ihren Weg, ihren manchmal weiten Weg gehen.
Die Geschichte von Elija in der Wüste und am Horeb erzählt davon. Sie macht Mut, auf Gott zu warten. Gerade in der Wüste, dort, wo du mit nichts und niemandem rechnest, kann dir Gott begegnen. Anders vielleicht, als du es dir vorstellst oder wünschst. Kein Supermann, der mit Blitz und Donner daherkommt.
Uns wird dann oft erst viel später bewusst, nachdem Jahre, Monate vergangen sind: Hier ist mir Gott begegnet. Vielleicht war das die stillste Stunde deines Lebens.
Der ist dann mal weg... (Jona 12)
von Pfarrerin Caroline Bender
Heute ist das letzte Mal Sommerpredigtreihe: "Ich bin dann mal weg!..."
Viele haben das vor einigen Wochen gedacht oder gesagt, als sie in den Urlaub gingen.
Wenn einer sagt: „Ich bin dann mal weg…“ wie Hape Kerkeling in seinem Pilgerbuch vom Jakobspilgerweg, hat dieser Satz mehr als eine Botschaft für die Angesprochenen:
• Ich lasse vieles zurück.
• Ich lasse Euch zurück mit dem, was ihr gerade tut – ab jetzt ohne mich.
• Ihr müsst jetzt mal allein weitermachen.
„Ich bin dann mal weg“ – das kann Flucht bedeuten vor der Verantwortung oder vor unangenehmen oder anstrengenden Aufgaben.
„Ich bin dann mal weg.“
• Möglicherweise komme ich wieder. Zeitpunkt ungewiss. Tage, die alles verändern.
• Möglicherweise seid auch ihr verändert – und die ganze Situation
• Auf welche Weise? Das muss sich weisen.
• „Ich bin dann mal weg.“ – das bedeutet Aufbruch.
Auch der Prophet Jona bricht auf, allerdings nicht freiwillig. Das verbindet ihn mit andern Propheten. Sonst hat das Jonabuch nicht viel von einem Prophetenbuch, in dem es normalerweise mehr um das Wort Gottes und weniger um die Person des Propheten geht. Bei Jona ist das genau umgekehrt.
Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais: „Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.“ Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren und dem HERRN aus den Augen zu kommen. Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Ob vielleicht dieser Gott an uns gedenken will, dass wir nicht verderben. Und einer sprach zum andern: „Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht.“ Und als sie losten, traf's Jona. Da sprachen sie zu ihm: „Sage uns, warum geht es uns so übel? Was ist dein Gewerbe und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du und von welchem Volk bist du?“ Er sprach zu ihnen: „Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.“ Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: „Warum hast du das getan?“ Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt. Da sprachen sie zu ihm: „Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse?“ Denn das Meer ging immer ungestümer. Er sprach zu ihnen: „Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.“ Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: „Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir's gefällt.“ Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde.
Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches und sprach: „Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes und du hörtest meine Stimme. Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott! Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel. Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade. Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN, der mir geholfen hat.“ Und der HERR sprach zu dem Fisch und der spie Jona aus ans Land.
Wie ihm da wohl zumute gewesen ist? Wie Jona wohl seinen Aufbruch, seinen Untergang und sein Auftauchen erlebt hat? Auf welche Weise wurde er verändert und wo blieb er der Alte?
Die Konfirmanden haben Ihnen genau die erste Hälfte des Jonabuchs vorgetragen. Die zweite, parallel aufgebaute Hälfte dürfen Sie gern selber nachlesen. Jona wurde ein Anderer.
„Vom Segen des Aufbrechens“ - das ist der Untertitel unserer Sommerpredigtreihe.
Aufbrechen:
Neues entdecken. Altes auf den Prüfstand stellen. Siehe den Aufbruch bzw. „AufBru(n)ch“ unserer kath. Schwestergemeinden.
Aufbruch in vielen nordafrikanischen Ländern und in Ländern des Nahen Ostens.
Alte, eingefahrene Gleise verlassen.
Neue Wege beschreiten.
Wenn der Impuls zum Aufbruch, so wie bei Jona, von Gott kommt, es sein Wille ist – liegt dann automatisch ein Segen auf dem Aufbruch?
Schwierig zu beantworten! Jona marschiert ja zunächst zielsicher in die andere Richtung. Sein Aufbruch ist ja auch wirklich nicht freiwillig. Jonas Aufbruchsgeschichte trägt viele märchenhafte Züge und trotzdem – oder gerade deswegen – steckt viel Wahrheit und Lebensweisheit drin.
„Ich bin dann mal weg!“ – das könnte Jona auf dem Weg zum Hafen gedacht haben.
„Der ist dann wohl mal weg!“ – Ob das seine Nachbarn zu Hause gedacht haben?
Ob sich das die Matrosen auf dem Schiff gedacht haben, als er über Bord ging?
„Der ist dann mal weg!“ – ob sich das auch der Fisch dachte, als er Jona verschluckte? Ein bisschen Spekulation muss sein! Was im Jonabuch mit poetischen Worten ausgedrückt ist:
Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen.
Ich glaube, das ist eine Erfahrung, die viele Menschen machen. Bei Jona kommt dann auch die Wende. Und wie sie beschrieben ist, fasziniert mich.
Jona ist am Tiefpunkt. Tiefe Nacht um ihn. Als Bild: Jona sitzt im Fischbauch. Dunkel und still. Bis er irgendwann anfängt zu beten.
Seine Worte sind geliehen, aus vielen Psalmen. Er fängt an zu beten und spricht erstaunlicherweise schon da, als er noch im finstersten Fischbauch sitzt, von seiner Rettung. Eigentlich hat er doch da noch gar keinen Grund dazu!
Merkwürdig!
Jonas Reise - eine Geschichte, die mehr ist als ein Märchen, aber wie sie erzählt sie von Veränderungen, vom Erwachsenwerden, vom Aufbruch ins Unbekannte, von neuer Erkenntnis.
Im Bauch des Fisches betet er.
Am Ende des Buches schweigt er – vor seinem Schöpfer.
Jona bricht auch auf, aber (wie gesagt) zunächst in die falsche Richtung. Der Richtungswechsel, die Wende erfolgt augenscheinlich im Bauch des Fisches.
Zu sehen ist das auf vielen JonaBildern, denn die Geschichte ist oft gemalt worden. Jona - verschluckt mit dem Kopf nach vorn – und nachher wieder heraus, ebenso mit dem Kopf voran. Wende tief unten, ganz innen.
Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Seetang bedeckte mein Haupt. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, die Riegel der Erde schlossen sich hinter mir ewiglich.
Zusammenbruch und Wende:
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott! Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn und mein Gebet kam zu dir.“
Er deutet es so: „Gott hat mich herausgeholt aus der Tiefe.“
Das befähigt ihn, neu aufzubrechen. Für mich beschreibt die Jonageschichte eine Erfahrung, die Menschen auch heute noch machen.
Jona bricht auf. Er weiß, dass er es tun muss. Aber er verrennt sich. Er stürzt in die Tiefe. Alles bricht über ihn herein und zusammen. Dann die Stille, herausgenommen aus allem. Zeit, um zu sich selbst und zu Gott zu finden.
Drei Tage, die den Umschwung bringen. Drei Tage, die sinnbildliche Zahl. Drei Tage, die alles verändern. Im Neuen Testament bei Matthäus und Lukas gibt es das sog. „JonaZeichen“. Der Aufenthalt Jonas im Bauch des Fisches wird mit dem Aufenthalt Jesu im Grab zusammengesehen.
Drei Tage, die alles verändern.
Drei Tage vom Dunkel des Kreuzes durch die Nacht des Todes bis zum Licht des Ostermorgens. Drei Tage bei Jona, die die Wende bringen. Drei Tage bei Jesus, die die Lebenswende bringen.
Drei Tage bei mir.
„Diese drei Tage“ – ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz:
Diese drei Tage
Vom Tod bis zum Grabe
Wie frei werd ich sein
Hierhin und dorthin schweifen
Zu den alten Orten der Freude
Auch zu euch
Ja auch zu euch
Merkt auf
Wenn die Vorhänge wehn
Ohne Windstoß
Wenn der Verkehrslärm abstirbt
Mitten am Tage
Horcht
Mit einer Stimme die nicht meine ist
Nicht diese gewohnte
Buchstabiere ich euch
Ein neues Alphabet
In den spiegelnden Scheiben
Lasse ich euch erscheinen
Vexierbilder
Alte Rätsel
Wo ist der Kapitän?
Wo sind die Toten?
Dieser Frage
Hingen wir lange nach
Zur Beerdigung meiner
Wünsche ich mir das Tedeum
Tedeum laudamus
Den Freudengesang
Unpassender
Passenderweise
Denn ein Totenbett
Ist ein Totenbett mehr nicht
Einen Freudensprung
Will ich tun am Ende
Hinab hinauf
Leicht wie der Geist der Rose
Behaltet im Ohr
Die Brandung
Irgendeine
Mediterrane
Die Felsenufer
Jauchzend und donnernd
Hinab
Hinauf.
„Er zog aber seine Straße fröhlich“ (Apostelgeschichte 8, 2629)
von Pfarrer Manfred Metzger
Ausbrechen aus dem Alltag, mal etwas anderes machen dürfen, Urlaub schon gebucht, Werbung, Fernsehen. Unser Predigttext lässt sich gut auf die gegenwärtige Ferienzeit übertragen. Mit Urlaub und Ferien verbinden wir ferne Länder, das Herauskommen aus dem grauen Alltag, Abenteuer, andere Kulturen, fremde Sitten und Gebräuche. Urlaub bedeutet etwas Anderes, Neues erleben, bzw. suchen. Neue Menschen kennenlernen, Kontakte knüpfen, Beziehungen eingehen, fern ab der Heimat. Urlaub als Ausbrechen aus dem Normalen, suche nach Freiheit, suche nach Sinn im Leben.
Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
Der Kämmerer war eine Art Finanzminister aus dem damaligen Reich Äthiopien. Das entspricht heute dem Gebiet des Sudan. Er war auf einer Reise zu neuen Ufern. Er war auf der Suche nach neuen Impulsen für sein Leben. Als reicher und bedeutender Mann konnte er sich eine solche Reise leisten, vielleicht konnte er seine privaten Interessen auch mit den dienstlichen Verpflichtungen verbinden, als er die lange Reise vom Oberlauf des Nils nach Israel antrat.
Die Bibel erzählt nur von seiner privaten, individuellen Suche. Er ist offensichtlich auf der Rückreise von Jerusalem, als ihn Philippus, einer der Apostel trifft und liest in der griechischen Übersetzung des alten Testamentes. Griechisch war damals Weltsprache und Juden oder gottesfürchtige Leute, die nicht aus Israel stammten, kannten das Alte Testament in seiner griechischen Übersetzung.
Der Kämmerer aus Schwarzafrika stammt vermutlich aus dem Kreis der griechisch sprechenden Proselyten des Judentums. Leute, die nicht aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit zum Judentum gekommen sind, sondern aus Interesse am jüdischen Glauben in die Gemeinde aufgenommen wurden. Schon in frühen Zeiten gab es eine jüdische Kolonie in Afrika, in Elephantine in Ägypten. Möglicherweise ist der Kämmerer dadurch mit dem jüdischen Glauben in Berührung gekommen.
In Jerusalem hat er dann wohl weitere geistliche Nahrung gesucht und sich eine Übersetzung des Propheten Jesaja erworben und liest voller Neugier darin.
Doch ihm fehlt der neue Zugang, den der christliche Glauben bringt, um die Texte vom Gottesknecht in Jesaja zu verstehen. Und so kommt ihm die Begegnung mit Philippus gerade recht, der Apostel und ehemalige Jünger Jesu, kann ihm hautnah von Jesus erzählen, von dem unschuldig leidenden Sohn Gottes, der bereit war die Schuld der Menschheit auf seine Schultern zu nehmen. Unrecht geduldig zu ertragen, um so den Menschen, Gottes Liebe zu zeigen.
„Verstehst du auch, was du da liest?“, fragt ihn Philippus. Der aber antwortet ihm: “Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?“
Der Kämmerer ist auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Jesajatextes, auf der Suche nach Deutungsmustern für sein persönliches Leben. Deswegen hat er sich aufgemacht zur Pilgerreise nach Jerusalem, doch bisher ist er offensichtlich nicht fündig geworden.
Ein Phänomen, das wir in unserer Zeit bei vielen Menschen erleben. Viele Leute sind ebenfalls auf der Suche. Auf der Suche nach Sinn, nach Religion, weil ihnen althergebrachte religiöse Angebote unsere Kirche eingeschlossen nichts Hilfreiches anzubieten haben.
Abschrecken mag eine althergebrachte kirchliche Sprache, eine traditionelle Form, Gottesdienste zu feiern, mit Liedgut meist aus der Barockzeit. Abstoßen mag auch eine triefende Moral von manchen Kanzeln herunter und Predigtthemen, die einen persönlich überhaupt nicht ansprechen. Und zudem, der Sonntagmorgen, als Gottesdienstzeit, wo man sich lieber noch mal im Bett rumdreht oder schon längst unterwegs ist, um am Wochenende etwas zu erleben.
Gewiss es gibt viele Gründe, zu Hause zu bleiben. Die Frage, die sich mir aber bei einem Freizeitverhalten, das die Kirche ausschließt, stellt, ist, ob die Menschen, denn wirklich in ihrer Suche nach immer neuen Freizeitaktivitäten, das finden, was sie suchen. Ob sie die Entspannung, Zufriedenheit und innere Gelassenheit finden, in all dem, was sie tun. Können die neuzeitlichen Trends von Ballermann auf Mallorca, Actionreisen, Internetsurfen bis zum Abwinken, Menschen eine Ersatzreligion bieten, die ihnen persönlich für ihr Leben weiter hilft? Oder ob diese Tendenzen nicht gerade Indiz dafür sind, wie geschickt die Werbewirtschaft uns Menschen manipulieren kann. Wie sie uns einredet, dass wir das oder jenes unbedingt brauchen.
Zum Beispiel der der grassierende Handykult, IPods und IPads und all die neuen Apps. Immer mehr Menschen schaffen sich die kleinen Dinger an, die zugegeben, oft auch geschickt und wichtig sind. Vielfach ist es aber weder privat noch beruflich notwendig, sich ein solches Gerät anzuschaffen, wenn da nicht dies enorm gute Gefühl damit verbunden wäre, wichtig zu sein. Besonders wichtig.
Im Schul und Konfirmandenunterricht haben sie ebenfalls schon Einzug gefunden und die entnervten Pädagogen haben schnell ein Verbot ausgesprochen, um Störungen vom Unterricht fernzuhalten. Die Gespräche, die ich öfters im Restaurant oder in öffentlichen Verkehrsmitteln mithöre, sind oft Anzeichen purer Langeweile: “Hallo, ich bin gerade mit dem Zug in Mögglingen, wir kommen in fünf Minuten am Bahnhof in Aalen an. Also bis gleich.“ Oder: „Hi, was machst du gerade.“ Ich sitze vor der Glotze. Total öde heute.“ „Soll ich bei dir vorbeikommen, wir könnten uns ein Video reinziehen.“ Geht leider nicht, ich geh nachher in die Stadt.“ „Na gut, vielleicht sieht man sich dort.“
Handys sind oft Helfer gegen die Langeweile und sind aber zugleich Zeitanzeiger. Anzeiger dafür, wie viel Langeweile es in unserer Gesellschaft gibt, wie viele auf der Suche nach Lebensinhalten sind. Und die gegenwärtige Spaßgesellschaft, wie sie immer mehr im Fernsehen durchbricht, zeigt, wie gelangweilt viele auf unserem Planeten rumhängen, Zeitvertreib und besonders Spaß suchen, um sich nicht zu Tode zu langweilen.
Dieses Sprichwort bringt in der Tat treffsicher zum Ausdruck, dass Langeweile der Tod, der Stillstand im Alltag ist. Für Kinder gibt es nichts Schlimmeres und für Alleinstehende heißt Langeweile übersetzt: Einsamkeit.
Zurück zu unserem Kämmerer, der ebenfalls auf der Suche nach Sinn für sein Leben war. Sicher ging es um andere Themen, aber sein Problem war genauso existentiell, wie die Suche von Menschen heute.
Er fragt Philippus, von wem der Prophet Jesaja redet: Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.
Der Kämmerer liest einen Teil aus einem Gottesknechtslied des 2. Propheten Jesaja. Mit dem leidenden Gottesknechts war zunächst das leidende Volk Israel gemeint, das von Gott abgefallen durch das Gericht der Geschichte, die babylonische Gefangenschaft hindurch musste, um wieder Glauben und Zuversicht zu Gott zu finden. Sichtbarer Lohn war die Rückkehr nach Israel nach 70 Jahren Exil.
Im neuen Testament wird der leidende Gottesknecht auf Jesus hin gedeutet. Jesus von Nazareth ist der auf die Erde gekommene Gott selbst. Er erleidet stillschweigend die Ablehnung der Menschen, derer, die nicht glauben wollen, dass Jesus der Heiland der Welt ist. Sie können es nicht wahrhaben, dass in Jesus von Nazareth, Gott den Menschen ganz nahe gekommen ist. Dass ihr Gott so stark ist, dass er ganz schwach werden kann. Verhöhnt, gegeißelt, zum Tode verurteilt, gerichtet am Kreuz.
Der entscheidende Unterschied zum Propheten Jesaja ist nun, dass Jesu Leben zwar kurzzeitig von der Erde weggenommen wird, doch am dritten Tag erfolgt die Auferstehung, der Sieg über den Tod und der Anbruch eines neuen Lebens mit Gott. Dieser entscheidende Wechsel der Vorzeichen ist die Geburtsstunde der Christenheit, auch Philippus wird davon ergriffen.
Er widmet sein Leben nun ganz allein diesem Glauben an die Auferstehung, an ein Leben unter den Vorzeichen des ewigen Lebens. Symbol für den Eintritt in das Leben als Christ ist die Taufe mit Wasser auf den Namen Jesu. Damit spricht Gott persönlich jedem Getauften sein ja zu. Ich will dein Leben begleiten, dich tragen und halten, wenn du nicht mehr weiter kommst, dich trösten und einst heimbringen in meine barmherzigen Hände.
Der Kämmerer erhält von Philippus dieses exklusive und ganz persönliche Angebot und greift zu. Überraschend schnell, aber nicht minder überzeugt, als andere, die erst eine Nacht darüber schlafen.
Und als sie die Straße dahin fuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe da ist Wasser; was hindert´s, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen zum Wasser hinab und Philippus taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufkamen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr. Er zog aber fröhlich seines Weges.
Der Kämmerer hat auf seiner langen Reise gefunden, was er gesucht hat. Neuen halt für sein Leben. Er hat kein neues Angebot bekommen, wie er in Zukunft seine Zeit totschlagen soll. Wie er sich in Zukunft treiben lassen soll, von einem Höhepunkt zum Nächsten im Getriebe der zeit. Er hat vielmehr einen neuen Lebensinhalt bekommen, ganz umsonst. Er hat ihn nicht kaufen müssen, weil Freizeitangebote eben etwas kosten. Ihm ist ein gläubiger Mensch begegnet, der ihm den Schlüssel zu richtigen Bibelauslegung übergeben hat, deshalb kann er jetzt glauben.
Sein neuer Glaube nimmt ihm nun nicht die Verantwortung ab, wie er sein Leben gestalten soll, es ist kein Katalog mit Lebensangebote. Er stellt ihn vielmehr in die Verantwortung, sein Leben vor Gott und den Menschen zu gestalten und sinnvoll zu nutzen. Doch eine Richtschnur dafür hat er bekommen. Die Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth, sein Leiden und seine Auferstehung. Ein Leben das leidenschaftlich sich für Jesus einsetzt, so wie auch Martin Luther King, der in einer Predigt zwei Monate vor seiner Ermordung folgende Glaubensbilanz zieht:
„Wenn einige dabei sind, wenn mein Tag kommt: Ich möchte keine lange Beerdigung. Und wenn ihr jemanden eine Grabrede halten lasst, sagt, sie sollen nicht so lange reden…. Sagt ihnen sie sollen nicht sagen, dass ich den Friedensnobelpreis erhielt. Das ist nicht wichtig. Sagt ihnen, sie sollen nicht erwähnen, dass ich über 300 oder 400 Auszeichnungen habe.
Das ist nicht wichtig….Ich möchte, dass jemand an jenem Tag sagt: Martin Luther King jr. versuchte mit seinem Leben anderen zu dienen. Ich möchte, dass jemand an diesem Tag sagt, Martin Luther King versuchte Liebe zu üben…Ich möchte, dass ihr an jenem Tag sagt, ich versuchte in meinem Leben, die im Gefängnis zu besuchen. Ich möchte, dass ihr sagt, ich versuchte, die Menschheit zu lieben und ihr zu dienen…Ich möchte nur ein hingebungsvolles Leben hinterlassen. Und das ist alles, was ich sagen möchte.
Wenn ich jemand helfen kann auf meinem Weg, wenn ich jemand aufmuntern kann, mit einem Wort oder einem Lied, wenn ich jemand zeigen kann, dass er in die falsche Richtung geht, dann wird mein Leben nicht vergeblich sein. Ja, Jesus, ich möchte an deiner rechten oder linken Seite sein, nicht aus selbstsüchtigen Motiven. Ich möchte an deiner rechten oder linken Seite sein, nicht wegen eines politischen Königreiches oder aus Ehrgeiz. Nein, ich möchte dort einfach sein in Liebe und in Gerechtigkeit, in Wahrheit und in der Verpflichtung gegenüber anderen, damit wir aus dieser alten Welt eine neue Welt schaffen können“
(aus: Martin Luther King, „Ich habe einen Traum“,
Patmos, Düsseldorf, 2003, S. 118/119).
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Am 12.11.2013 sind diese texte als kleines Heft in Druckform erschienen.
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Es handelt sich um 27 Seiten im Format DIN A5.
Zum Herunterladen hier klicken! Predigt anläßlich der Einweihung des Christushauses in Waldhausen gehalten von Susanne Traub
1. Hinführung:
Als Schriftlesung hören wir nun den zentralen Text, der der gesamten Gestaltung des Christushauses im tatsächlichen Wortsinn zugrunde liegt: aus dem heraus sich der Kapellenraum gestaltet hat. Der Bauausschuss kam im Frühjahr diesen Jahres während der Rohbauarbeiten auf mich zu und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, sie auf dem Weg zur Ausgestaltung des Raumes zu begleiten.
Ohne lange zu zögern, sagte ich JA.
Ohne genau zu wissen, auf was ich mich da einlassen würde. Auch die Kirchengemeinde hatte wohl nur eine vage Ahnung von meiner Arbeitsweise.
Im Gegenseitigen Zutrauen und Zu-muten wurde es ein Prozess - ein Weg, den alle Beteiligten gleichermaßen miteinander gegangen sind, bis heute.
Zu Beginn stellte ich die Frage:
Welche Botschaft soll dieser liturgische Raum für Sie ausstrahlen? Was ist Ihnen persönlich und was für die Gemeinde wichtig?
Die Worte Auferstehung, Licht, Schöpfung und Gemeinschaft waren die Worte, die sie mir beim ersten Treffen nannten.
Bis zum zweiten Treffen suchte ich nach einer Schriftstelle in der Bibel, in der ich all dies wieder fand..... Die Stelle im Johannesevangelium fand ich sehr treffend: Die Begegnung im Garten am Grab des Auferstandenen
Ich fragte die Beteiligten ob sie bereit wären, sich auf einen ungewöhnlichen Weg einzulassen. Mein Gedanke war, daß sich die Ausgestaltung der Räume aus dem Bibeltext und der Kirchengemeinde heraus ergibt.
Zuerst etwas verhalten, aber neugierig ließen sich alle darauf ein.
So haben wir, d. h. Männer und Frauen des Bauteams, H. Pf. Metzger, die Mesnerin Frau Herzig, Herrn Klaiber der Architekt und ich uns an einem Samstag mit dem Text auseinandergesetzt.. Zuerst sind wir im bibl. Szenenspiel in die Rollen dieser Auferstehungsgeschichte hineingeschlüpft, um eine Ahnung davon zu bekommen, was damals geschah.
In Verbindung mit dem ihrem eigenen Lebenskontext wurde das Geschehen im Hier und Jetzt lebendig.
Die Gruppe kam sich hier als Gemeinschaft sehr nah. Persönlich kamen manche Steine ins Rollen. Aus diesem Erleben der Schriftstelle heraus, hat sich dann Stück für Stück das Christushaus und dieser liturgische Raum gestaltet.
Deshalb werden wir auch jetzt den Text in Rollen verteilt lesen, weil sich dadurch auch für Sie schon ein Teil der Raumsymbolik und - inhalte erschließen kann.
Nehmen Sie im Hören und Schauen einfach wahr:
wo die Menschen stehen,
was Sie sehen
und was Sie nicht sehen.
2. Schriftlesung
Joh. 20,1-18 Petrus und der andere Jünger am Grabe des Auferstandenen
1 Am ersten Tag der Woche aber kommt Maria aus Magdala früh, als es noch dunkel war, zur Gruft und sieht den Stein von der Gruft hinweggenommen.
2 Sie läuft nun und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, dem, den Jesus Heb hatte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus der Gruft hin weggenommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
3 Da gingen Jesus und der andre Jünger hinaus und machten sich auf den Weg zur Gruft.
4 Die beiden liefen aber miteinander. Und der andre Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst an die Gruft.
5 Und wie er sich hineinbeugt, sieht er die leinenen Binden daliegen; doch ging er nicht hinein.
6 Nun kam auch Simon Petrus, der ihm folgte, und ging in die Gruft hinein. Und er sieht die Binden daliegen
7 und das Schweisstuch, das auf seinem Haupte gewesen war, nicht bei den Binden liegen, sondern an einem Ort für sich zusammengewickelt.
8 Da nun ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst an die Gruft gekommen war, und sah und glaubt.
9 Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er nämlich von den Toten Auferstehen müsse.
10 Da gingen die Jünger wieder heim.
11 Maria aber stand außen bei der Gruft und weinte. Wie sie nun weinte, beugte sie sich in die Gruft hinein;
12 da sieht sie zwei Engel in weißen Kleidern dasitzen, den einen beim Haupte und den andern bei den Füssen, da wo der Leib Jesu gelegen hatte.
13 Und sie sagen zu ihr: Was weinst Du?
Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen herrn weggenommen, und ich weiß nicht wo sie ihn hingelgt haben.
14 Als sie dies gesagt hatte, wandte sie sich um. Und sie sah Jesus dastehen und wusste nicht, dass es Jesus war.
15 Jesus sagt zu ihr: Was weinst Du? Wen suchst Du?
Jene, in der Meinung es sei der Gärtner, sagt zu ihm:
Her hast Du ihnweggetragen, so sage mir, wo hast Du ihn hingelegt, so will ich ihn holen.
16 Jesus sagt zu ihr: Maria!
Da wendet sich diese um und sagt zu ihm auf hebräisch:
Rabbuni das heißt: Meister
17 Jesus sagt zu ihr: Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufegfahren zum Vater. Gehe aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
18 Maria aus Magdala geht und verkündigt den Jüngern, dass sie den Herrn gesehen und dass er dies zu ihr gesagt habe.
3. Gedanken zum Prozess, Entstehung des Raumes
So lebendig wie die Beteiligten nun diese Geschichte erlebt hatten, malten sie anschließend jede/r für sich ein Bild dazu.
Ich bot ihnen ein leeres Blatt in der Vorstellung es sei der Garten aus der Bibelstelle. Ließ die Textlandschaft noch einmal vorbeiziehen, Farben und Formen, die dabei auftauchten.........und lud sie ein, diesen Garten zu bepflanzen, auszugestalten mit Formen und Farben.
Einen leeren Raum, den sie zur Verfügung haben, wie den Raum, der zu einem Gemeinderaum und liturgischen Raum werden soll.
Ich führte ihnen noch einmal die Gegebenheiten von Türen, Himmelsrichtung, Fenster ... vor Augen und ließ sie dann mit Farben eintauchen in diesen Raum. Jede/r füllt diesen Raum aus dem inneren Erleben der Geschichte heraus.
Alle haben sie sich darauf eingelassen.
Freude am Erschaffen war spürbar ohne den Anspruch, sie müssten jetzt eine Raumplanung vorlegen. Die persönlichen Eindrücke standen im Vordergrund.
Danach legten wir alle Bilder zusammen, schauten was Da IST.
Ohne viele Worte - die Bilder sprachen für sich, Gemeinschaft war spürbar.
Teilnehmen und den eigenen Teil eingeben in die Gemeinschaft. Wir sammelten Farben, Formen, Inhalte, die sich in allen Bildern wiederholten oder die der Gruppe im Anschauen aller Bilder wichtig wurden und fassten zusammen.
Was sich zeigte:
Licht das Göttliche als ein großes RUND (Zeichen der Vollkommenheit), die Schöpfung, der Garten und der Lebensrhythmus, der täglich unser Leben durchdringt- von der Geburt bis zum Tod.
Auferstehung, nicht erst nach dem Tod irgendwo oben im Himmel zu suchen sondern alltäglich: in den Begegnungen, im Du, im Hineingehen in die Trauer, in der Liebe, ...bis die Steine ins Rollen kommen und wieder etwas Neues wachsen und aufbrechen kann.
Gelb, Durchscheinendes, Durchdringendes, Transzendenz - aber auch die Buntheit der Schöpfung waren ihnen persönlich, als Gruppe und für die Gemeinde wichtig.
All das aus dieser Gruppe nahm ich und versuchte dies auszudrücken:
Im Altartuch mit dem Lebensrhythmus wie dies auch in den liturgischen Farben des Kirchenjahres zum Ausdruck kommt:
In
Violett,
Grün,
Weiß
Rot
Verbunden mit Lebenslinien, Begegnungen.
Alle Paramente gehen vom erdigen - irdischen Braun aus, dem Ton aus dem auch die Fliesen sind und gehen über in Grün als Symbol für das Wachsen.
Ausgehend von diesem Altartuch in dem alle Lebensfarben gebündelt sind, sind danach vier Kanzeltücher entstanden, auf dem jeweils eine liturgische Farbe aus dem Lebensrhythmus dem Kirchenjahr entsprechend in den Mittelpunkt gestellt wird.
Zeitgleich ist bei einem weiteren Treffen zusammen mit Herrn Koschel, gemeinsam der Entwurf des Altartisches, der Kanzel und des Stehkreuzes entstanden. Die geschwärzten Linien sollen wieder symbolisch die Verbindungen zur Erde herstellen.
Nach dem gemeinsam Erlebten ergab sich die Form und die Aussage des Stehkreuzes von selbst: Ein sich nach oben öffnendes Kreuz. Ein dunkles Kreuz, in das Licht einfließen - durchdringen kann. Ein Kreuz, das über den Tod und das Dunkel hinausweisen will und Hoffnung ausstrahlt. Herr Koschel, konnte sich sehr gut in die Vorstellungen einfühlen und hat dies sehr schön in Holz ausgedrückt.
Ja,....während der Innenausbau fortschritt, lagen da noch etwa 4 Wochen lang, wie ein großes leeres Blatt 3,00 x 1,50 m in Form einer etwa 120 kg schweren Holzplatte wie ein großer schwerer Stein in meiner Werkstatt: die Holzplatte für das Altarbild.
Wie konnte ich es wagen, diese Fläche mit solch einer Geschichte zu füllen?
Wie sieht Auferstehung aus ? Wie dieses Licht ? . Es trieb mich um...auf Seide auszudrücken wäre ein Leichtes - aber in Acryl mit diesen so dicken undurchlässigen harten.....Farben? Was hatte ich mir da bloß eingebrockt?
Irgendwann, mit diesem Gott in mir, seinem Zu trauen, fasste ich mir ein Herz.
Vielleicht bin ja doch ICH gemeint.
Vielleicht will dieses Bild ja gerade von mir gemalt werden - aus meinen langjährigen Erfahrungen in der Begleitung von Sterbenden und Trauernden heraus. Von dem, was ich erleben durfte in der Begleitung.....beim Hinübergehen von hiernach dort.
Als Lebende haben wir ja nur eine Ahnung - eine Vorstellung wie das nach dem Tod aussehen könnte. Ein reicher Schatz tauchte nach und nach auf. Auch mein eigenes Trauern, Fallen und die Erfahrung was mich im Leben immer wieder aufstehen lässt.
Nun war ich bereit - und begann. Zweieinhalb Wochen tauchte ich ab. Tage und Nächte. Ein paar Stunden Schlaf, etwas essen und ab und an eine Waschmaschine in Gang setzen und malen. Mehr nicht.
Ich begann mit dem, was mich trägt - der Gewissheit in mir, eingebettet, angesprochen und getragen zu sein in einem göttlichen Rund. Als ein Teil unter Vielen im großen Ganzen. Ein Gott der will, dass wir das Leben haben - in Fülle.
In dieses göttliche Rund kehrte ich auch während des Malens zwischendurch immer wieder zurück, zog Kreise bis in zig Schichten dieses Rund entstand.
Dann begann ich mit der Erde, mit dem Ackerboden, handfest mit Spachtelmasse und Quarzsandspuren.
Dreck, Dunkles, der Stein, das Grab, Irdisches war angelegt - noch ganz ohne Farbe. Roh, rauh und grau. Ohne eine Vorstellung wie dies zu dem göttlichen Rund passen könnte.
Dann tauchten die konkreten Begegnungen mit sterbenden Menschen auf, ihr Hinübergehen, ihre Sprache, meine Ahnung von Ewigkeit - von Auferstehung.
Es gestaltete sich der obere Bereich - noch ohne Verbindung zur Mitte.
Der Verlust, meine Trauer um liebe Menschen und Loslassen und der damit verbundene Schmerz kamen plötzlich in den Vordergrund. Jetzt war ich bei Maria v. Magdala, der Gruft, dem schweren Stein und dem was ihrer Trauer eine Wende gab:
Sie beugte sich hinein, sie weinte, sie blieb, sie rang, sie fragte, nach dem was ihr Heb und teuer war und jetzt nicht mehr da war. Sie fragte nach dem, was sie weiter leben lässt.
So entstand Stück für Stück ein Weg, Stufen, das Grab öffnete sich - im Malen,
da war die Begegnung mit dem Auferstandenen - im DU mit dem was ihr lieb war - angesprochen sein als Maria.
Im dreimaligen Umwenden, im DU kommt wieder Leben in den Stein. Umwälzung geschieht. Dies alles geschieht in einem Garten und mit dem Gärtner - Symbolen für das Leben, das Wachsen.
Auf der rechten unteren Seite wurde ein Garten - ein anbrechender Morgen noch... dunstig ...in dem ganz sachte das Morgenlicht durchbricht.
Jetzt werden Sie sagen, all das, was ich Ihnen vom unteren Teil des Bildes beschreibe, können wir ja gar nicht sehen. Das ist ja vom Altar verdeckt. Ja so ist es.
Schade, sagten letzten Samstag zuerst auch die Gemeindemitglieder, als das Bild hing und der Altar davor gestellt wurde.
Nein nicht schade : es ist bei diesem Bild so wie im Leben. Das was hier geschieht, früh morgens als es noch dunkel war, heißt es im Bibeltext, ist nicht offensichtlich.
Trauer, Umkehr, Loslassen, Aufbrechen, brauchen Zeit und ein ganz bewusstes Hineingehen in die Situation. In den Garten, in die Gruft in die Begegnungen- in die Tiefen. Ein liebendes sich Auseinandersetzen mit sich, dem DU, mit Gott und dem Leben in all seinen Facetten.
Deshalb ist auch hier dieser Bereich zwischen Altar und Bild ein besonderer Ort, der sich dem erschließen kann, der bewusst hingeht, hineinschaut und sich die Zeit für einen Umweg nimmt. Das Wesentliche geschieht nicht im Außen.
Die Verbindung zum Göttlichen Rund war dann wie ein Aufsteigen ein Aufatmen. Die bunten Farben des Lebensrhythmus" schwangen sich kreisend um die göttliche Mitte. Jetzt war der Bildkreis und der Kreis der Geschichte geschlossen - scheinbar. Das Innere des göttlichen Kreises stimmte nicht mehr.
Es wurde innen hell. Etwas weitete sich - auch in mir- und wollte nach oben.. Neue Türen, neue Räume taten sich auf.
Jetzt erst war es gut.
Nachts um halb zwei schenkte ich mir ein Glas Rotwein ein und setzte zwei kleine rote lebenslustige Striche und einen kleinen roten Lebensklecks in den Himmel.
Ich war angekommen am Ende des Bildes und am Anfang von neuem Leben im HIER und JETZT.
So hängt es nun hier, ausgerichtet nach Osten - zum Sonnenaufgang hin weisend.
Christus dein Licht - ist die Botschaft dieses Kirchenraumes, der nun bereit ist, mit Leben, mit Gemeinschaft und Begegnungen gefüllt zu werden.
Vielleicht ist auch das die Botschaft des Auferstandenen an Maria, als er sagt: Geh zu meinen Brüdern und sage ihnen......
Wegweisend führen die Holzlamellen an der Decke vom Eingang bis in diesen Kapellenraum. Der besondere Schwung der Tür soll den Raum in etwas Neues öffnen.
So hat gemeinsam ein Kirchenraum Gestalt angenommen. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Weg mitgehen durfte.